Calypso-Nikkor II – kompakte Allwetter- und Unterwasserkamera
Die Geschichte hinter der Kamera
Der Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau und der Ingenieur Jean de Wouters d’Oplinter dachten 1949 während einer gemeinsamen Reise mit dem Forschungsschiff «Calypso» über eine möglichst kompakte Unterwasserkamera nach, die ohne zusätzliches Gehäuse nutzbar sein sollte. Die damals verfügbaren Lösungen erschienen ihnen zu sperrig. In den folgenden Jahren begann de Wouters mit der Entwicklung einer Kamera für den 135er-Film. 1960 wurde diese vom französischen Unternehmen Spirotechnique mit Sitz in Levallois-Perret unter der Bezeichnung «Calypso-Phot» vorgestellt. Damit entstand die erste Unterwasserkamera für Kleinbildfilm, die kein zusätzliches Gehäuse benötigte und im Vergleich zu herkömmlichen Kameras mit einigen bemerkenswerten technischen Lösungen aufwartete.
Später erwarb Nippon Kogaku (Nikon) die Patente der Calypso-Phot und entwickelte die Kamera unter der Bezeichnung «Nikonos» weiter. Die Nikonos I war das erste Nachfolgemodell und wurde von August 1963 bis Oktober 1968 (Braczko, 2000) hergestellt. Ab August 1968 folgte die Nikonos II, die gegenüber ihrer Vorgängerin nur wenige Verbesserungen aufwies. Sie wird in diesem Beitrag als «Calypso/Nikkor II» näher vorgestellt. Unter dieser Bezeichnung war die Nikonos II in Europa erhältlich.
Die Calypso in Key West, Florida
Quelle: Florida Memory, Public Domain
Bertrand Labévue, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Grundkonzept der Konstruktion
Die Calypso/Nikkor II ist eine Unterwasserkamera, die ohne zusätzliches, sperriges Unterwassergehäuse auskommt und bis in eine Tiefe von 50 Metern eingesetzt werden kann. Mit ihren Abmessungen von lediglich 13 × 9,7 × 6,5 cm (B × H × T) präsentiert sie sich erstaunlich kompakt. Möglich wird dies durch ein ebenso durchdachtes wie geniales Konstruktionskonzept. Grundsätzlich besteht die Calypso/Nikkor II aus einem Aussengehäuse, einem Innengehäuse und einem Objektiv. Diese drei Hauptkomponenten lassen sich dank integrierter Ringdichtungen wasserdicht miteinander verbinden.
Das Aussengehäuse wurde im Spritzgussverfahren aus Aluminium gefertigt und verfügt über eine fein strukturierte Oberfläche. Dadurch liegt die Kamera auch unter Wasser mit feuchten Händen oder Handschuhen sicher in der Hand. An der Unterseite dieses Gehäuseteils befindet sich mittig ein Sichtfenster für das Bildzählwerk. Zusätzlich ist links unten ein Stativgewinde angebracht, das bei Bedarf gegen einen Blitzgeräteanschluss ausgetauscht werden kann.
Im Innengehäuse befindet sich die wesentliche Funktionalität der Calypso/Nikkor II. Es wird von oben in das Aussengehäuse eingeschoben und durch einen Gummiring abgedichtet. Auf die einzelnen Bedienelemente und ihre Funktionen wird weiter unten noch ausführlich eingegangen.
Die dritte Hauptkomponente bilden die Wechselobjektive. Sie stellen bereits für sich genommen eine wasserdichte Einheit dar und schützen die innenliegenden Funktionen der Kamera. Nach dem Aufsetzen dient das Objektiv mit seinem Bajonettverschluss zugleich als sichere Arretierung von Innen- und Aussengehäuse.
Verfügbare Wechselobjektive
Beim mitgelieferten Standardobjektiv der Calypso/Nikkor II handelt es sich um das W-Nikkor 2.5/35 mm. Es ist äusserst robust konstruiert und an der Front durch eine 5 mm starke Glasscheibe geschützt. Die Bedienung erfolgt über zwei markante, seitlich angebrachte Drehknöpfe, die auch mit dicken Taucherhandschuhen sicher gegriffen werden können. Mit dem linken Knopf wird die geschätzte Distanz zwischen 0,8 m und ∞ eingestellt. Der gewählte Wert wird auf der hellen Skala an der Vorderseite des Objektivs angezeigt. Über den rechten Drehknopf lassen sich die Blendenwerte von 2.5 bis 22 einstellen. Gleichzeitig wird auf der Distanzskala der entsprechende Tiefenschärfebereich sichtbar. Über Wasser beträgt der Bildwinkel 62°, unter Wasser verengt er sich auf 46,5°.
Ergänzt wird das Standardobjektiv durch ein Weitwinkelobjektiv und ein Teleobjektiv. Das Weitwinkelobjektiv trägt die Bezeichnung UW-Nikkor 28 mm f/3.5. Die Buchstabenkombination UW weist darauf hin, dass dieses Objektiv ausschliesslich für Unterwasseraufnahmen gerechnet wurde. Die kürzeste Aufnahmedistanz beträgt 0,6 m, der Bildwinkel 59°.
Das Teleobjektiv Nikkor 80 mm f/4 kann wie das Standardobjektiv sowohl über als auch unter Wasser eingesetzt werden. Die kürzeste Aufnahmedistanz beträgt 1 m. Bei Aufnahmen über Wasser ergibt sich ein Bildwinkel von 30°, der sich unter Wasser auf 22° reduziert.
Die Kamera aufnahmebereit machen
Damit ein Kleinbildfilm in die Calypso/Nikkor II eingelegt werden kann, muss zuerst das Objektiv abgenommen werden. Dazu wird es leicht herausgezogen, um die beiden Passstifte aus den Nuten zu heben, und anschliessend um 90° gedreht. Das Innengehäuse, das aufgrund der Gummidichtung fest im Aussengehäuse sitzt, wird danach mit Hilfe der beiden Klapphebel, die auf beiden Seiten der Kamera angebracht sind, nach oben gedrückt und vollständig herausgezogen.
Bevor der Film in die Calypso/Nikkor II eingelegt wird, sollte die Verschlusszeit auf einen beliebigen Wert, jedoch nicht auf R, eingestellt werden. Nun wird die Filmandruckplatte hochgeklappt. Die Filmpatrone wird in die linke Kammer eingelegt und die Aufnahmespule so gedreht, dass ihr Schlitz nach vorne zeigt. Danach kann die Filmlasche problemlos eingeführt werden. Wenn der Noppen am unteren Ende des Schlitzes der Aufnahmespule sauber in die Perforation des Filmstreifens greift, kann der Film mit einer einmaligen Betätigung des Schalthebels auf der Kameraoberseite um eine Position weitertransportiert werden.
Anschliessend wird die Filmandruckplatte auf die Filmebene heruntergeklappt und das Innengehäuse wieder in das Aussengehäuse eingeschoben, bis beide Teile dicht schliessen. Dabei sollte kein Druck auf den Verschlusszeitenknopf ausgeübt werden. Zuletzt wird das Objektiv eingesetzt und im Bajonett verankert.
Bevor der Film weitertransportiert wird, löst man einmal den Verschluss mit dem Schalthebel aus. Danach muss der Riegel für die Auslösesperre nach rechts gekippt werden, da das Filmzählwerk sonst zuletzt eine falsche Bildanzahl anzeigt. Durch zweimalige Betätigung des Schalthebels wird der Film ohne Auslösung auf die erste Aufnahmeposition weitergespult. Dabei sollte sich der Rückspulknopf mitdrehen, was auf den sicheren Halt des Films in der Aufnahmespule hinweist.
Filmtransport, Verschluss und Bildzählwerk
Mit dem Schalthebel der Calypso/Nikkor II sind gleich drei Funktionen verbunden: Filmtransport, Bildzählwerk und Auslösung des Verschlusses. Doch wie läuft das in der Praxis im Detail ab?
Nach jedem Auslösen der Kamera schwenkt der Schalthebel schräg nach vorne aus. Während dieser Bewegung werden die Verschlussvorhänge aufgezogen. Durch das anschliessende vollständige Einschwenken des Schalthebels bis zum Anschlag wird der Film zur nächsten Aufnahmeposition transportiert, die Bildzählung um eine Position weitergestellt und gleichzeitig der Verschluss gespannt. Der Schalthebel federt danach leicht zurück und kommt parallel zur Vorderkante des Gehäuses zu liegen. In den so entstehenden Abstand lässt sich der Sperriegel drehen, wodurch ungewollte Auslösungen verhindert werden.
Beim Verschluss handelt es sich um einen vertikal ablaufenden Schlitzverschluss mit den einstellbaren Verschlusszeiten 1/30, 1/60, 1/125, 1/250 und 1/500 sowie der B-Einstellung.
Das Bildzählwerk stellt sich beim Öffnen des Kameragehäuses automatisch zurück. Auf den ersten Blick wirkt die Skala etwas verwirrend. Durch die weiter oben beschriebenen Transportbewegungen des Schalthebels ohne Auslösung des Verschlusses wird die Skala nicht weiterbewegt und bleibt zunächst auf Null stehen. Nur die geraden Aufnahmezahlen sind auf der Skala markiert, und nur jede vierte ist beschriftet. Dadurch springt der Zeiger nach einer gemachten Aufnahme jeweils nur einen halben Teilstrich weiter.
Fokussierung und Belichtung
Da es sich bei der Calypso/Nikkor II um eine einfache Sucherkamera handelt, muss die Distanz zum Motiv geschätzt werden. Mit dem Standardobjektiv von 35 mm Brennweite stellt dies jedoch in den meisten Situationen keine allzu grosse Herausforderung dar. Ein Blick auf die in die Distanzskala integrierte Schärfentiefenanzeige verdeutlicht dies. Sie zeigt an, welcher Entfernungsbereich bei einer bestimmten Blendeneinstellung scharf abgebildet wird. Bei einer Blende von 5.6 reicht dieser Bereich beispielsweise von knapp 5 m bis unendlich.
Die korrekte Belichtung muss mit einem externen Belichtungsmesser ermittelt werden. In zeitgenössischen Unterlagen zur Calypso/Nikkor II wird ein wasserdichtes Gehäuse für den Belichtungsmesser Sekonic Auto-Lumi L-86 erwähnt. Daneben waren in jener Zeit auch spezielle Unterwasser-Belichtungsmesser erhältlich, beispielsweise der Sekonic Marine Meter L-164. Zusätzlich bestand die Möglichkeit, mit externen Unterwasserblitzen zu arbeiten und die Belichtung auf diese Weise zu kontrollieren. Mit der Underwater Flash Unit bot Nikon ein entsprechendes Zubehörgerät für die Calypso/Nikkor II an.
Blitzen unter Wasser
Mit der Underwater Flash Unit hatte Nikon ein passendes Zubehör für die Calypso/Nikkor II im Angebot. Das Gerät wurde mit Blitzbirnen betrieben. Daneben waren auch Elektronenblitzgeräte erhältlich, die zwar höhere Anschaffungskosten verursachten, sich für ambitionierte Unterwasserfotografen und Unterwasserfotografinnen langfristig jedoch rechnen konnten. Da keine Blitzbirnen ersetzt werden mussten, waren sie zudem einfacher und schneller in der Handhabung.
Unabhängig von der verwendeten Blitztechnik ergeben sich unter Wasser weitere Herausforderungen. Schwebeteilchen im Wasser reflektieren das Blitzlicht und führen dadurch leicht zu eingetrübten Bildern. Dieses Phänomen lässt sich reduzieren, indem möglichst kurze Distanzen zum Motiv gewählt und die Motive bevorzugt seitlich angeblitzt werden. Detaillierte technische Hintergründe und Berechnungsbeispiele finden sich im Buch Underwater with the Nikonos & Nikon Systems (S. 71–83) von Herb Taylor.
Weiteres Zubehör
Neben dem spezialisierten Blitzzubehör war für die Calypso/Nikkor II und die verwandten Modelle dieser Kamerafamilie eine vielfältige Auswahl an Zubehör erhältlich. Auch Drittanbieter boten zahlreiche Ergänzungen an, die das Arbeiten unter Wasser vereinfachen und präziser machen sollten.
Die Unterwasserfotografie mit Taucherbrille und Tauchhandschuhen bringt einige besondere Herausforderungen mit sich. So waren beispielsweise Gummigriffe erhältlich, die über die seitlich am Objektiv angebrachten Einstellknöpfe gesteckt wurden und deren Bedienung unter Wasser erleichterten. Auch der Blick durch den vergleichsweise kleinen Sucher ist nicht immer einfach. Als Alternative wurden aufsteckbare Sportsucher für den Zubehörschuh angeboten. Sonnenblenden und Farbkorrekturfilter ergänzten das Zubehörprogramm.
Besonders hilfreich dürften die verschiedenen Systeme für Nahaufnahmen gewesen sein. Die technischen Ansätze unterschieden sich zwar, verfolgten jedoch alle dasselbe Ziel. Sie ermöglichten Aufnahmen kleiner Details und machten das schwierige Schätzen der Aufnahmeentfernung bei Nahaufnahmen weitgehend überflüssig. Mit dem eingebauten Sucher oder einem Sportsucher wäre dies nur mit grosser Erfahrung möglich gewesen. Nikon bot hierfür ein eigenes Nahaufnahmesystem an, das aus drei unterschiedlichen Vorsatzlinsen sowie den jeweils passenden Distanzhaltern mit angepasstem Bildfeldrahmen bestand. Zusammen mit der hier vorgestellten Kamera erhielt ich vom Vorbesitzer ein System der Firma Sea & Sea mit zwei Zwischenringen und den dazugehörigen Abstandshaltern.
Die Calypso/Nikkor II in der Praxis
Meine Erfahrungen mit der Calypso/Nikkor II beschränken sich leider auf den Einsatz über Wasser. Dennoch war ich überrascht, was diese kompakte und massiv konstruierte Kamera zu bieten hat. Als Allwetterkamera habe ich sie bislang nur bei trockenen Bedingungen genutzt. Gerade bei Regen und allgemein unter nassen Einsatzbedingungen dürfte sie ihre Stärken jedoch besonders gut ausspielen. Nicht ohne Grund wurde sie auch von Photojournalisten im Vietnamkrieg geschätzt.
Die Bedienung gefällt mir in jeder Hinsicht sehr gut. Der multifunktionale Schalthebel für Filmtransport und Verschlussspannung fühlt sich zunächst ungewohnt an, da er sich deutlich von den Lösungen anderer Kameras unterscheidet. An diese Konstruktion mit ihren durchdachten Funktionen habe ich mich jedoch schnell gewöhnt. Der Leuchtrahmensucher zeigt ein angenehm grosses und helles Sucherbild, was die Motivwahl erleichtert. Mit den verfügbaren Verschlusszeiten bin ich gut zurechtgekommen. Auch das manuelle Einstellen der Distanz bereitete mir, wie erwartet, keine Schwierigkeiten. Das Objektiv liefert hervorragende Ergebnisse und lässt sich einfach bedienen. Um die eingestellten Werte für Blende und Distanz ablesen zu können, muss die Vorderseite des Objektivs allerdings nach oben gedreht werden.
Der Filmwechsel gestaltet sich im Vergleich zu anderen Kameras etwas aufwendiger. Da das Objektiv die beiden Gehäuseteile zusammenhält, muss es bei jedem Filmwechsel abgenommen werden. Anschliessend werden Innen- und Aussengehäuse voneinander getrennt. Aufgrund der Gummidichtung ist dafür ein gewisser Kraftaufwand erforderlich.
Mit der Calypso/Nikkor II fotografiere ich sehr gerne. Mit Aufnahmen des ersten belichteten Films ist das PhotoZine «ONE CAMERA – ONE ROLL | Unterwegs mit der Calypso/Nikkor II» entstanden. Es kann direkt bei mir bezogen werden, am liebsten im Tausch gegen ein anderes Zine.
Literatur
Braczko, P. (2000). The complete Nikon system: An illustrated equipment guide. Rochester, NY : Silver Pixel Press. http://archive.org/details/completenikonsys0000brac
Claus, J. (1977). Zwischen Nikonos und Guppy. Foto Magazin, (Heft 1). http://archive.org/details/foto-magazin-1977-heft-1
Seiten 16-17
Roberts, F. M. (1974). Nikonos photography: The camera and system. Dana Point, Calif. : fmRoberts Enterprises. http://archive.org/details/nikonosphotograp00robe
Taylor, H. (1977). Underwater with the Nikonos & Nikon systems. Garden City, N.Y. : AMPHOTO. http://archive.org/details/underwaterwithni0000tayl
Bedienung, Vergleiche der Modelle, technische Details, praktische Tipps
Weiß, K. (1979). Zu Wasser und zu Lande: Das Amphibien-Kamerasystem Nikonos. Color Foto, (Heft 8). http://archive.org/details/color-foto-1979-heft-8
Seiten 42-46











